Haus für eine Person – Barbara Kenneweg

 

Rosa Lux, eine Frau Anfang 30, die alleine im Leben steht. Die Eltern verstorben, der Ex irgendwo im Himalayagebirge. Es gibt nur sie, ihr Ungeborenes und ihre Nachbarn Frau Paul, Herr Scholl und die Zeit, ihre Lebenszeit.

Lebenszeit. Ein Zeitraum, mit dem man sich viel zu selten auseinandersetzt. Der große unbekannte Faktor, der jeden von uns begleitet, den niemand wirklich kennt. Wir kennen unsere täglichen Aufgaben, unsere Arbeitskollegen, unsere Wünsche. Wir wissen, was wir gut und nicht gut finden, wir wissen, was wir gerne erreichen möchte. Wir haben Konstanten im Leben, Rahmenbedingungen, die uns Halt geben. Doch was geschieht, wenn wir all das mit niemandem teilen können?

Tagein, tagaus kommunizieren wir mit unseren Mitmensch. Ob unter vier Augen, in Konferenzen oder über unsere favorisierten Kanäle. Wir sind im Fluß, unsere Kommunikation fließt. Uns nervt etwas, raus damit. Wir haben eine eigenartige Begegnung, raus damit. Wir handeln oftmals schneller, als wir die Dinge überhaupt reflektieren können. Wir geben uns nur noch selten die Mühe einmal genau zu hinterfragen was eigentlich geschieht, wenn wir jeden kleinen Aufreger sofort in die Welt hinaustragen.

Doch Rosa kann das nicht. Rosa denkt nach, Rosa hinterfragt, Rosa erlebt intensiv. Jeden Tag und mit all ihren Sinnen sieht sie sich dem Leben ausgesetzt. Sie fragt sich, wann wir Blumen durch Kunststoffpalmen ersetzt haben, warum es so schwierig ist, eine Hose zu finden die nicht „made in China“ ist und warum man während des Einkaufs ständig das Gefühl hat man bräuchte noch etwas.

Rosa setzt sich nicht nur mit sich selbst, ihrer Schwangerschaft und ihrem Leben auseinander. Rosa hält uns den Spiegel vor. Man nickt beim Lesen beständig mit dem Kopf, weil man es ähnlich empfindet. Man fühlt sich ertappt, weil man genau so handelt und dann fragt man sich, wann man angefangen hat, sich dem blinden Aktionismus hinzugeben.

Rosa ist anstrengend. Sie ist anstrengend, weil sie die täglichen Erlebnisse nicht ungefiltert in die Welt posaunt. Sie lässt uns in ihren Kopf.Sie zeigt, was wir aus dieser Welt machen, wo wir hinsehen, wann wir wegsehen und wie sehr wir uns gegenseitig bevormunden. Ja, sie schildert uns in aller Deutlichkeit, wie wir dazu übergegangen sind, uns selbst der Nächste zu sein, keine Abstriche machen zu wollen und bloß nicht auf andere einzugehen. Wir wollen mehr ohne mehr zu geben. Wir wollen, dass alles so bleibt. Wir wollen mit dem Elend nichts zu tun haben.

Wir sind in Europa. Die Waisen sind im Waisenhaus, die Kranken im Krankenhaus, die Irren im Irrenhaus, die Asylbewerber im Asylantenheim… Bezahlter Urlaub, Rente, Herzschrittmacher, Versicherungen, künstliche Darmausgänge. Muss man das nicht bewahren? Erhalten, festhalten um jeden Preis, höchstens ein wenig aufpolieren, hier und da noch etwas feilen, aber bloß nicht dran rütteln…

Die Autorin Barbara Kenneweg hat eine sehr mutige Lektüre geschrieben. Sie hat mit Rosa Lux eine Person geschaffen, die man besser kennt als einem lieb ist. Sie provoziert, sie fordert heraus, sie führt uns unsere Schwächen vor.

Für mich ist „Haus für eine Person“ ganz klar eine Aufforderung jeden verdammten Tag zu hinterfragen und mit aller Konsequenz zu begreifen, dass nichts im Leben nur für eine Person geschaffen wurde, auch wenn es im ersten Augenblick so scheinen mag.

„Haus für eine Person“, Barbara Kenneweg, ISBN 978-3-5500-8177-4, 224 Seiten, Hardcover, 18€

 

 

 

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