Anna Quindlen – Unsere Jahre in Miller’s Valley

 

Dieser Geruch, wenn man nach Hause kommt, sein Elternhaus betritt oder einem irgendwas in die Nase strömt, was einen an Früher erinnert. Vielleicht der Geruch nach Plätzchen, wenn man als Kind mit seiner Oma gebacken hat. Der Geruch vom frisch bezogenen Bett, frisch gemähtem Rasen oder nach Regen. Es gibt Gerüche, die uns in sekundenschnelle in vergangene Zeiten katapultieren. Die uns an Zuhause denken lassen, an Familie, an den Ort, an dem wir aufgewachsen sind. Der Platz, der für uns sowas wie eine Heimat ist.

 

Aber was genau ist Heimat? Wann fühlt man sich heimisch?

 

Genau diese Frage stellt sich Anna Quindlen in ihrem aktuellen Roman „Unsere Jahre in Miller’s Valley“. Wir lernen Mimi und ihre Familie kennen. Ihre Mutter, eine sehr gewissenhafte Frau, die nachts als Krankenschwester arbeitet und tagsüber für ihre drei Kinder und ihren Mann da ist. Mimis Vater, durch und durch Farmer, der sich nicht nur um Farm und Familie kümmert, sondern auch um die defekten Elektrogeräte der Dorfbewohner. Nicht zu vergessen Tommy und Eddy. Die älteren Brüder, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und dann ist da noch Ruth, die Tante von Mimi, die sich weigert das Haus zu verlassen.

Abgesehen von Tante Ruth eine durch und durch sympathische Familie. Sechs Menschen die uns so oder in einer ähnliche Konstellation ständig begegnen können. Doch der Ort in dem sie leben, Miller’s Valley, ist nicht so durchschnittlich wie die Familien, die dort leben es gerne hätte.

Miller’s Valley hat immer wieder mit Hochwasser zu kämpfen und soll geflutet werden. Der Staudamm, der dort vor vielen Jahren errichtet wurde, ist viel zu klein und seiner eigentlichen Funktion nicht gewachsen. Nun sollen also alle Dorfbewohner umquartiert werden. Doch Umquartieren ist nichts, was man mal eben so nebenbei bewerkstelligt. Umquartieren bedeutet in diesem Fall, seine Heimat nicht nur zu verlassen, sondern diese auch dem Wasser zu überlassen.

Anna Quindlen beginnt, nachdem sie dem Leser einen kurzen Einblick in die aktuelle Situation gewährt hat, im Jahr 1960. Mimi ist gerade 11 Jahre alt und erzählt fortan ihre Geschichte. Doch es ist nicht nur die Geschichte einer 11jährigen, die wir auf dem Weg zum Erwachsenen begleiten. Es ist eine Geschichte vom Wurzeln schlagen und Flügel ausbreiten. Eine Geschichte, die wir so gut nachvollziehen können, das wir ganz schnell im Geschehen sind.

Wir dürfen mit Mimi zur Schule gehen, die Eltern heimlich belauschen, mit der Freundin Maiskolben am Strassenrand verkaufen. Wir erleben, wie die großen Brüder das Nest verlassen und wie Eltern damit umgehen.

Die Autorin lädt uns immer wieder ein, selbst einen Blick zurückzuwerfen. Wie war das eigentlich früher? Waren meine Eltern auch so? War da jemand, der mich mittags versorgt hat oder war ich ein sogenanntes Schlüsselkind? War ich auf mich alleine gestellt und habe schon früh gelernt auf eigenen Füßen zu stehen? Oder musste ich meinen Eltern vielleicht sogar im heimischen Betrieb helfen?

Immer wieder stellen wir uns beim Lesen die Frage nach der eigenen Kindheit, dem Erwachsensein und warum plötzlich alles so schnell ging.

 

Geborgen ohne sich sicher zu fühlen?

 

Wenn wir zurückdenken, denken wir häufig auch an diese Sorglosigkeit, die Sicherheit, die uns unsere Eltern vermittelt haben. Doch bei Mimi ist es anders.

Mimi kennt die Probleme die sich um das Wasser drehen. Schon früh hat sie erfahren, was Hochwasser anrichten kann und kennt auch die Diskussionen, die die Erwachsenen führen. Die Ängste, die sie sich nicht auszusprechen trauen. Und während die Einen mit ihren Ängsten beschäftigt sind, ist für Mimi ganz klar, das Heimat eben Heimat ist und man diese nicht einfach dem Wasser überlässt.

 

„Unsere Jahre in Miller’s Valley“ ist eine ganz leise, eine zurückhaltende Geschichte, die trotz der Dramatik um das große Ganze die vielen liebenswerten und wichtigen Kleinigkeiten nie aus den Augen verliert. Es geht nicht nur um irgendeine Heimat von irgendeinem kleinen Mädchen, es geht um das was Heimat zu etwas Besonderem macht. Denn Heimat ist das, von dem wir uns nicht vorstellen möchten, das es irgendwann nicht mehr da ist. Das, was uns die Flügel stärkt, wenn wir losgelassen werden.

„Unsere Jahre in Miller’s Valley“, Anna Quindlen, ISBN 978-3-421-04758-8, 314 Seiten, Hardcover, 20€

 

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