Literarischer Kaffeeklatsch #4

 

Heinrich Heine hat einmal gesagt:

Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.

Und das durfte ich auch in der letzten Woche wieder erfahren. Es gibt viele gute Bücher, die einen gut unterhalten, die gut geschrieben sind, die sich gut verschenken oder verkaufen lassen. Sie sind eben gut. Dann gibt es die Bücher, die einfach nicht für uns geschrieben wurden. Die, die uns nicht gefallen, nicht unsere Ansprüche von guter Unterhaltung erfüllen. Und dann sind da eben auch noch die Bücher, die einem nicht mal Zeit lassen, den vierten literarischen Kaffeeklatsch mit netten Worten zu eröffnen, weil sie sich direkt in den Mittelpunkt drängen.

#gelesen

Einige von euch haben vielleicht mitbekommen, dass ich vor einigen Tagen mit „Die Letzten“ von Madeleine Prahs angefangen habe. Doch bevor ich dazu etwas schreibe, hier zur Einstimmung die Kurzbeschreibung vom Verlag:

Ich als Haus würde Ihnen Widerstand empfehlen!

Es ist Herbst in einer Großstadt: Das letzte, unsanierte Haus in der Hebelstraße wird »leergewohnt. Karl Kramer, 55 Jahre alt, Hausmeister, Elisabeth Buttkies, 72, Deutschlehrerin a. D., und Jersey, 28 Jahre, Studentin in Teilzeit, sind noch übrig – und sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Welt vor der Tür meint es nicht immer gut mit ihnen, so glauben sie, aber drinnen pflegen sie ihre Wunden und streicheln die Narben. Bis der Brief des neuen Hauseigentümers kommt: Auszug. Kernsanierung. Endgültig. Der Kampf der Bewohner um ihr vermeintlich letztes Stückchen »Ich« beginnt. Man verbarrikadiert sich, Katzen werden vergiftet und Perücken abgefackelt – fast ist es zu spät, doch dann schließen sich „die Letzten“ zusammen. Am Ende blühen die Geranien wieder. Es ist Frühling. Drei sind glücklich. Und einer ist tot.

 

„Die Letzten“ ist nicht leicht in Worte zu fassen. Die Geschichte wird abwechselnd aus vier Perspektiven erzählt und keine davon möchte man missen. Es entsteht weder ein Durcheinander, noch hat man das Gefühl, dass der Lesefluss dadurch negativ beeinflusst wird. Im Gegenteil. Die große Eröffnung der Geschichte übernimmt das Haus selbst. Das Haus ist der allwissende Erzähler. Der, der den Leser von der ersten Seite an darauf vorbereitet, was ihn erwartet. Der Erzähler, der einen in schallendes Gelächter ausbrechen lässt und einen gleichzeitig ahnen lässt, dass diese Geschichte eskaliert. Denn das einem die Backsteine um die Ohren fliegen und das Dach seinen Dienst quittiert ist scheinbar nur eine Frage der Zeit.

Wenn das Haus des Erzählens müde ist, und das ist bei all den Emotionen nicht verwunderlich, so erzählen die letzten Bewohner im Wechsel. Kapitel für Kapitel lernen wir drei Leben besonders gut kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und deren Erwartungen, Wünsche und Ziele geprägt sind vom bisher ge- und erlebten.

Es gibt in der Geschichte nicht den großen Knall, der die Wendung bringt, oder die Szene, die einen zu Tränen rührt. Die Geschehnisse, ob positiv oder negativ, kommen wie Seitenhiebe. Haben wir gerade noch gelacht, so fliegt uns in der nächsten Sekunde die Rechte des Nachbarn um die Ohren. Waren wir gerade noch ganz benommen vom Schlag ins Gesicht, fallen wir nun schon wieder vor lauter Lachen aus dem Lesesessel.

Die Geschichte ist dramatisch, amüsant, herzzerreissend und urkomisch zugleich. Dabei ist sie aber auch lehrreich und lebensbejahend, wenn auch der Wunsch nach dem letzten Atemzug des Öfteren thematisiert wird.

Dieses Buch ist alles und hat alles. Einziger Knackpunkt? Alle Geschichten, denen man sich im Anschluss daran widmen möchte, haben es erstmal verdammt schwer.

 

Eine Ausnahme ist allerdings „Whiteout“ von Anne von Canal. Zwar habe ich das Buch kurz vor „Die Letzen“ gelesen, aber auch diese Geschichte übt einen ganz eigenen Sog auf den Leser aus. Aber wovon handelt es?

Es ist eine E-Mail mit nur einer Zeile, die Hannas Welt ins Wanken bringt: Von ihrem Bruder Jan erfährt sie vom Tod ihrer besten Jugendfreundin Fido. Die Nachricht erreicht Hanna ausgerechnet während einer wichtigen Antarktisexpedition, von der die Glaziologin neue Erkenntnisse über das Klima der Vergangenheit erwartet.
Seit Fido vor zwanzig Jahren ohne Erklärung den Kontakt abbrach und damit alle gemeinsamen Zukunftspläne verriet, hat Hanna versucht, die einst so Vertraute aus ihrem Kopf zu verbannen. Doch jetzt, in der endlosen Weite des Eises, lassen die Erinnerungen und ungeklärten Fragen sie immer mehr die Kontrolle verlieren. Als die Spannungen in Hannas kleinem Forscherteam zunehmen und dann auch noch ein Schneesturm den Erfolg ihres Projektes gefährdet, wird die Zeit im Eis endgültig zur Zerreißprobe. (Quelle: mare Verlag)

Ich möchte es für heute gerne bei der kurzen Info belassen, denn wenn ich mich zu diesem Titel nun auch so ausführlich äußere wie zum letzten, geht mir eventuell der Rezensionsstoff aus. Ihr notiert euch diese beiden Bücher schon mal auf euren Wunschzetteln und mehr dazu gibt es dann später im September.

Nach diesen zwei sehr eindringlichen Bücher habe ich dann zu einem meiner Lieblinge gegriffen: „Rhythms of Rest“ von Shelly Miller. In diesem Buch erzählt die Autorin ihre eigene Geschichte, bzw. den Teil ihres Lebens, der sich um den Sabbat dreht. Warum ist der Sabbat für sie so wichtig, warum sollten wir diesem Ruhetag wieder viel mehr Aufmerksamkeit schenken und wie schafft man es, einen tatsächlichen Ruhetag einzulegen. Einen Tag, an dem man nichts Neues schafft, sich regeneriert und mit Gott auseinandersetzt. Für mich ein sehr wichtiges Thema, dem ich mich an anderer Stelle ausführlicher widmen möchte.

#eskaliert

Eskaliert ist in der vergangenen Woche der Bücherzuwachs in diesem Haushalt. Vom neuen Titel von Joakim Zander „Der Freund“, über „Niemand verschwindet einfach so“ von Catherine Lacey bis hin zu „Das Sams feiert Weihnachten“ von Paul Maar. Nicht zu vergessen „Palast der Finsternis“ von Stefan Bachmann, „Walter Nowak bleibt liegen“ von Julia Wolf und andere schöne Titel.

#geplant

Wie es scheint, gehen meine sonntags präsentierten Planungen für die kommende Woche immer nur bedingt auf. Zwar habe ich es letzte Woche geschafft, euch „Unsere Jahre in Miller’s Valley“ vorzustellen, bin euch aber „Mein 52-Listen-Projekt“ schuldig geblieben. Schuld daran waren die gelesenen Bücher, die hatten absolute Priorität. Das versteht ihr, oder?

Das habe ich also auf die kommende Woche verschoben. Außerdem ist meine „das möchte ich jetzt unbedingt lesen Liste“ eventuell ein bisschen zu lang, sodass ich mich selber überaschen lasse, was letztendlich hier geschieht. Aber sicher ist, dass sich wieder alles um die Bücher dreht.

Ich danke euch auch heute für eure Zeit und wünsche euch für die kommende Woche viel Lesezeit und die passende Lektüre. Lasst es euch gut gehen.

Eure Nina

 

 

 

 

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